Naturschutzgebiet „Weißenhäuser Brök“

Zauneidechse

Die im Südosten der Hohwachter Bucht gelegene „Weißenhäuser Brök“ ist eines der größten Dünengebiete an der schleswig – holsteinischen Ostseeküste. Bereits 1942 wurden 57 ha dieser einzigartigen Dünenlandschaft als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Es ist Bestandteil des Europäischen ökologischen Netzes „Natura 2000“ (FFH-Gebiet und Vogelschutzgebiet).

Küsten- und Dünenlandschaft

Mauerbiene

Das Gebiet „Weißenhäuser Brök“ bildet einen natürlichen Abschluss des „Oldenburger Grabens“ - eine breite, bis zur Lübecker Bucht reichende Niederungszone. Die durch Gletschervorstöße sowie abfließendes Schmelzwasser überformte Rinne war während der letzten Eiszeit entstanden. Nach Abtauen des Eises vor ca. 13.000 Jahren stieg der Wasserspiegel der Ostsee etappenweise an. Vor 8.000 Jahren wurde die Niederung überflutet. Es bildete sich eine tief ins Land reichende Meeresbucht (Förde). Bei Sturmfluten von Steilküsten abgetragenes Boden- und Geröllmaterial wurde durch küstenparallele Meeresströmungen in der Fördemündung als Nehrungshaken abgelagert (Ausgleichsküste). Die nachfolgende Strandwallbildung riegelte die Förde von der Ostsee ab. Bis auf den südöstlich des Ferienzentrums gelegenen Wesseker See sind die entstandenen Strandseen heute verlandet oder durch Entwässerung trocken gelegt. Die Bildung dauerhafter, sturmflutsicherer Küstendünen setzte erst ein, nachdem die Strandwälle bei Hochwasser oder Sturm nicht mehr überflutet wurden und Meeresströmungen küstennah große Mengen Sand abgelagert hatten. Dieser wurde bei Niedrigwasser unter starker Windeinwirkung auf den Strandwällen zu Dünen aufgeschichtet. Die Schätzungen zum Alter der Dünen gehen weit auseinander und schwanken zwischen 800 und 5.000 Jahren. Die Küstendünenlandschaft „Weißenhäuser Brök“ zeichnet sich durch eine vollständige Entwicklungsreihe mit einer charakteristische Abfolge der Pflanzengesellschaften aus.

Die Bildung von Küstendünen beginnt auf dem Strand. Hier sammeln besonders salztolerante Pflanzen vom Wind verwehten Sand in ihrem Windschatten und bilden so kleine Bodenwellen, die Vor- oder Primärdüne. Landeinwärts schließen die höher aufragenden, in typischer Weise von Strandhafer besiedelten Weiß- oder Sekundärdünen an. Der Strandhafer kann sich erst auf trockenen und weniger salzhaltigen Standorten durchsetzen. Das Gras ist in der Lage, bei anhaltender Übersandung ein stockwerkartig verzweigtes Wurzelwerk auszubilden und so Dünen von über 10 m Höhe entstehen zu lassen. Im Windschatten der Weißdüne ist die Übersandung geringer oder bleibt völlig aus. Der Strandhafer weicht niedrigwüchsigen, flechten- und moosreichen lückigen Gräserfluren, die zu den Grau- oder Tertiärdünen gezählt werden. Je stärker sich Gräser wie Schafschwingel, Drahtschmiele oder Silbergras ausbreiten, desto stärker schließt sich die Pflanzendecke. Der Sand wird nicht mehr laufend umgelagert und im Oberboden reichern sich graue Humusstoffe an. Mit fortschreitender Bodenbildung breiten sich Besenheide und Drahtschmiele aus und leiten zu den Heide- oder Braundünen über. Am Ende der Vegetationsentwicklung steht die Ausbreitung von Gehölzen, zumeist Birke oder Eiche. Die Küstendünen der „Weißenhäuser Brök“ haben ihre natürliche Dynamik heute weitgehend verloren. Verantwortlich hierfür sind die fehlenden Sandnachlieferungen, die Ausbreitung konkurrenzkräftiger, nährstoffliebender Gräser sowie anderer Ruderalarten aber auch Küstenschutzmaßnahmen wie der Deichbau.

Pflanzen und Tierwelt

Das NSG zeichnet sich durch unterschiedliche Dünentypen mit Dünentrockenrasen- und Heidevegetation in noch naturnaher Ausprägung aus. Sie bieten einer artenreichen, oft besonders trockenheits- und wärmeliebenden Pflanzen- und Tierwelt mit Vorkommen hochgradig gefährdeter Arten einen selten gewordenen Lebensraum. Durch pflanzenkundliche Untersuchungen wurden seit 1961 über 350 Farn- und Blütenpflanzen, über 30 Moos- und über 25 Flechtenarten nachgewiesen. Neuere Bestandsaufnahmen lassen einen Artenrückgang erkennen. Ausgehend vom Ostseestrand lassen sich landeinwärts charakteristische Wuchsorte von Pflanzen unterscheiden. Am Strand siedeln stickstoffliebende Pflanzenarten wie Meersenf und Salzkraut auf Spülsäumen, die aus abgestorbenen Algen und anderem Schwemmgut bestehen. In den landseitig anschließenden Weißdünen herrscht der in dichten Horsten wachsende Strandhafer vor. Vereinzelt treten hier die Stranddistel und der in Schleswig-Holstein vom Aussterben bedrohte Knorpellattich auf. Beide werden durch die sich stark ausbreitende, nicht heimische Kartoffelrose verdrängt. Ihr Bestand ist dadurch extrem gefährdet. Im Windschatten der Weißdünen schließen auf festgelegten Dünensanden der Graudünen niedrigwüchsige und lückige Schafschwingelfluren an. Diese gehören auch heute noch zu den artenreichsten Pflanzengesellschaften im NSG. Im Sommer heben sie sich durch das leuchtend gelb blühende Labkraut hervor. Hier wachsen sehr seltene und gefährdete Arten, wie Stengellose Kratzdistel, Zittergras, Heide-Nelke und Sand-Strohblume. Bemerkenswert ist die Kleine Wiesenraute, die hier eines der letzten Standorte im Lande hat. Kleinflächig noch offene Dünensande werden von lückigen, flechten- und moosreichen Pionierfluren des Silbergrases besiedelt. Die für Braundünen typischen Küstenheiden sind innerhalb des NSG lediglich im Osten erhalten. Weite Teile der früheren Heidedünen sind infolge Überalterung der Besenheide bereits in Gräserfluren übergegangen, in denen Drahtschmiele oder Sandreitgras vorherrschen.

Ein kleiner Feuchtbereich im Westen, erkennbar an Seggenriedern, Schilfröhrichten und Weidengebüschen, markiert den ehemaligen Verlauf der Bröckau. Erste Untersuchungsergebnisse zur Tierwelt belegen die hohe Bedeutung der sonnenexponierten Trockenlebensräume für wirbellose Tierarten wie Käfer, Wildbienen, Grabwespen, Spinnen und Heuschrecken. So sind die Heiden mit ihrem großen Blütenangebot besonders für blütenbesuchende und pflanzenverzehrende Insekten von großer Wichtigkeit. Die flechtenreichen Heiden sind für den Warzenbeißer, eine seltene Heuschrecke, ideal. Viele Wildbienen und Wespen benötigen vegetationsoffene und sonnenexponierte Dünenbereiche, Silbergrasfluren oder Heiden zur Anlage ihrer Erdnester. Auch Reptilien wie die Zauneidechse und die Waldeidechse kommen vor. Außerdem ist das NSG für Feldlerchen von Bedeutung.

EU – Life Projekt „Balt Coast“

Im Naturschutzgebiet werden Robustrinder als vierbeinige Landschaftspfleger eingesetzt. Die Beweidung soll die typische Vegetation der Küstendünen erhalten und negativen Veränderungen in der Dünenvegetation, insbesondere der Ausbreitung der Kartoffelrose, entgegenwirken. Der Einsatz der Rinder wird von den Privateigentümern des Gebietes unterstützt und ist Teil des EU-LIFE-Projektes „BaltCoast“. Das von der Stiftung Naturschutz betreute und von der Europäischen Union mitfinanzierte Projekt dient dem Erhalt und der Wiederherstellung bedeutender Küstenlebensräume an der Ostsee. Nähere Informationen hierzu gibt es unter www.life-baltcoast.de.

Naturschutz und Tourismus im Einklang

Nach dem Krieg besann man sich auf die natürlichen Vorzüge der naturnahen Küstenlandschaft, um mit Hilfe des Tourismus die Wirtschaftskraft in der Region zu stärken. Dabei wurden in der Vergangenheit die Belange des ökologisch sehr sensiblen Küstendünengebietes mit Vorkommen seltener Lebensräume und z.T. hochgradig gefährdeter Pflanzen- und Tierarten nicht immer hinreichend berücksichtigt. Ein wesentlicher Konfliktpunkt entstand aus der Errichtung des Ferienzentrums Weißenhäuser Strand (1969-1973), das die Naturschutzgebiete „Weißenhäuser Brök“ und „Wesseker See“ voneinander trennt und zu einer enormen Steigerung der Urlauberzahlen und Erholungsnutzung im Gebiet führte. Der Tourismus hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelt. Dabei gehören Natur- und Landschaftserleben in einer intakten Natur und Umwelt mit sauberen Stränden und natürlichen, unverbauten Lebensräumen zu den wichtigen Urlaubsmotiven. Daher wird es zukünftig mehr denn je auf eine naturverträgliche und nachhaltige Entwicklung der Erholungsnutzung ankommen. Steigendes Umweltbewusstsein der Erholungssuchenden selbst, d.h. umsichtiges und verantwortungsvolles Verhalten in Natur und Landschaft, muss eine Selbstverständlichkeit sein. Innerhalb des Naturschutzgebietes wurden die ökologisch sensiblen Gebiete mit besonders störungsempfindlichen Lebensräumen, Pflanzen und wildlebenden Tieren von einer Betretung ausgenommen. Daher sind die das Dünengebiet überquerenden Wege, die der Besucherlenkung zwischen dem Ferienzentrum und den Strandbereichen dienen, gegenüber den angrenzenden Dünenbereichen ausgezäunt.